Marathonlauf in München am 10.10.2010.

 

Seit 1995 nehme ich einmal im Jahr an einem Marathonlauf teil.

Dieser mein 16. sollte 2010 in München stattfinden. Bereits im Januar meldete ich mich zu diesem Event an, und freute mich schon damals auf den Zieleinlauf im Münchner Olympiastadion.

Natürlich konnte ich im Januar noch nicht wissen, das im September mein 4 Enkelkind geboren wurde. Am 23.09. kam die kleine Frieda zu Welt, und selbstverständlich widmete ich diesen Lauf, dem kleinem Persönchen. Mit einem  Digitaldruck auf dem Rücken meines Laufhemdes, sollte die kleine, 42 Kilometer durch München getragen werden. (Siehe Foto, auf der Seite Fotoalbum).

Die Wochen der Vorbereitung zu diesem Lauf, verliefen sehr zufriedenstellend. 

Voller Optimismus, zog  ich Samstag d. 09.10. nach München. Dort angekommen, zunächst per S-Bahn zum Olympiagelände, Startnummer abholen, noch ein wenig auf der Marathonmesse  umschauen, und ab zurück, zur Ferienwohnung.

Leider merkte ich Samstag abends schon, das ich mich schlecht fühlte. Meine Beine waren schwer und  unelastisch, möglicherweise, von der langen Autofahrt, und dem herumbummeln auf dem Olympiagelände mit falschen Schuhen. Aber noch schlimmer war, die Unruhe in meinem gesamten Magen und Darmtrakt. Möglicherweise, war das Mittagsessen nicht in Ordnung, irgendetwas stimmte  nicht.

Die Nacht zum Sonntag schlief ich sehr schlecht, und vom Aufstehen bis zum Marathonstart musste ich 3-mal die Toilette aufsuchen. Das kann ja heiter werden, dachte ich mir, hoffentlich gibt es an der Strecke genug Dixi - Häuschen.

Mit ein wenig Pessimismus zog ich Sonntag früh in Richtung  Olympiagelände. Die aufgehende Sonne, die frische Luft, und vor allen, die unzähligen fröhlichen Gesichter auf dem Gelände, lies meine Stimmung immer besser werden.

Der Lautsprecher verkündet noch 30 Min bis zum Start. Ich begebe mich, mit zahlreichen Gleichgesinnten in Richtung Startplatz, mir geht es immer besser, und meine Vorfreude auf diesen meinen Marathon steigt mit jedem Meter, den ich mich dem Startplatz nähere.

Kurz vor dem Start, treffe ich meine Laufbekannte, Sabine, für Sabine ist es heute der 199. (Einhundertneunundneunzig)   Marathonstart, ich muss sie  immer wieder bewundern, mit welcher Lockerheit   und Begeisterung  sie ihre Läufe absolviert.

Jetzt wird es ernst, noch 5 Min  bis zum Start, noch ein Küsschen von Ehefrau Christa, es kann los gehen. Das  Wetter ist mit Ca.10°C+ und trocken geradezu ideal.

 

5-4-3-2-1 Start. Langsam und träge setzt sich die Masse der beteiligten in Bewegung. Auf der Startlinie drücke ich auf meine Stoppuhr, obwohl schon jetzt für mich fest steht, das eine erreichte Endzeit für mich unwichtig ist. Es geht nur ums ankommen, und den Lauf der kleinen Frieda widmen. 

 

Nach 2 KM. ein Blick zur Uhr, 11 Min, wieder einmal bin ich zu schnell in der Anfangsphase. Es ist gar nicht so einfach, bei dieser Euphorie langsam zu laufen.

 

Kilometer 2-6. Diese Kilometer führen in Richtung Stadtmitte (Leopolttor) und wieder zurück in Richtung Englischen Garten. Ich fühle mich nicht in einer 100% Verfassung, meine Beine sind schwer, und vor allem im Magen krummelt es, wenigstens scheint aber der Darm Ruhe zu halten.

 

Kilometer 6-16. Jetzt verläuft die Strecke ausschließlich durch den Englischen Garten. Ich spule tapfer meine Kilometer ab. Dummerweise fällt meine Stoppuhr aus, und ich kann meine gelaufene Geschwindigkeit schlecht nachvollziehen,  diese dürfte aber bei etwa 6 Min.p KM liegen. 

 

Kilometer 16-20. Diese Kilometer verlaufen ein wenig öde, durch Wohngebiete, und an Bahngleisen endlang. An diesem Streckenabschnitt vermisse ich einfach die Zuschauer. Bei meinen bisherigen Marathons, vor allen die in Hamburg, Köln, Mainz und New-York, waren die Straßen von dem ersten bis zum letzten Kilometern mit Zuschauern gesäumt.

 

Kilometer 20-25. Die halbe Distanz ist überschritten, mir geht es nicht schlecht, aber auch nicht gut. Der Magen krummelt immer noch, und meine Beine haben schon einmal bessere Tage erlebt. Ich treffe auf Sabine, wir unterhalten uns ein wenig, verlieren uns aber bald  wieder aus den Augen.

 

Kilometer 25-32. Jetzt befinde ich mich im Herzen von München, hier werden die Zuschauer immer zahlreicher. Marathonstimmung kommt auf, die Sonne scheint, und die Münchner scheinen gut drauf zu sein. Das ganze beginnt mir richtig Spaß zu machen. Ich passiere die Stationen: Isartor, Marienplatz, Sendlingertor, Odeonsplatz, Karolinenplatz, Pinakotek. Dieser Streckenabschnitt gefällt mir gut, ich genehmige mir ein Power-Bar-Gel, und trinke an  natürlich allen Verpflegungsstellen.

 

Kilometer 32-37. Nun führt die Strecke wieder von der Stadtmitte in Richtung Olympiagelände. Jetzt nehme ich die 2.Portion Power-Bar-Gel, es ist so weit noch alles in Ordnung. Ein bekannte erfahrener Marathonläufer sagte mir einmal vor vielen Jahren: „ Beim Marathon, sind die letzten 7 Kilometer schlimmer als die ersten 35 zusammen.“ Nun ich habe die KM 35 überschritten, und es geht noch.

 

Kilometer  37- 40. Jetzt wird es heftig, bei KM 38  kommt der Mann mit dem Hammer, und klopft mir auf die Waden,  meine  Wadenmuskulatur verkrampft sich  brutal, die Beine beginnen jetzt heftig zu schmerzen. Durchatmen,  Arthur, locker belieben, langsam  laufen, im Ziel ankommen, an die kleine Frieda denken.  Plötzlich klopft mir jemand auf die Schulter, und sagt im echten Bayrisch: „So Grosvoater, jetzt host glei gschafft.“ Diese nette Geste serviert mir gleich einen angenehmen Motivationsschub.

 

Kilometer 40 – Zieleinlauf. An Streckenkilometer 40 steht ein Moderator und  heizt,  begleitet mit lauter Musik die Teilnehmer noch einmal so richtig ein. Einige 100 Meter weiter steht meine Frau Christa und strahlt mich an: „Alles in Ordnung?“  „Ja alles bestens.“ (gelogen) meine Beinmuskulatur schmerzt gnadenlos, jeder Schritt ist eine  Qual. Jetzt nur noch einen Kilometer bis ins Ziel.

 

Ich biege rechts  ab, und  jetzt beginnt der Augenblick auf den ich mich schon viele Monate gefreut habe. Im Tunnel zum Stadion empfängt mich eine sagenhafte  Lichtshow begleitet von lauter Popmusik, das gefällt mir, einfach nur  Klasse.

Dann erreiche ich das innere des Stadions, unglaublich diese Atmosphäre die hier mich empfängt. Die letzten Laufmeter absolviere ich auf der Tartanbahn, der weiche Gummibelag tut meinen Füßen gut.

Hier  an dieser Stelle, wo 1972 die Olympischen Spiele stattfanden, die allerdings aus bekannten Gründen ein trauriges ende nahmen. Hier in diesem Stadion wo 1974 Deutschland Fußballweltmeister    wurde, bin ich jetzt mittendrin. Ich fühle mich  wie ein kleiner Superstar. Auch wenn meine Beine immer noch heftig schmerzen, genieße ich die letzten Meter in vollen  Zügen.

Dann steht direkt vor mir das riesengroße Schild: „ ZIEL“.

Ich laufe über die Linie, und von einem Augenblick zum anderen spielen meine Gedanken völlig verrückt, ich muss plötzlich an 100 Dinge auf einmal denken.

Meine Enkelkinder, meine Jugendzeit, den Angriff der Palästinenser auf das Israelische Olympiateam 1972. den Krieg in Afghanistan,  mein bevorstehendes Rentner - Leben. usw. usw.

Ich stütze mich auf einer nahen Metallabsperrung ab, atme kräftig durch.  Danke Gott, das es mir gut geht, das ich gesund bin, und das er mich bei diesem Lauf bekleidet hat. Tränen fliesen durch mein Gesicht.

Alle meine bisherigen  Marathonzieleinlaufe waren  immer mit heftigen Emotionen   bekleidet, aber  dieser Zieleinlauf wird mir sicherlich noch sehr lange in Erinnerung bleiben.

Ich verlasse den Zielplatz, a fesches Bayrisches Madel legt mir die Medallie um den Hals, ich bin völlig ausgepowert, aber überglücklich.

Danach genehmige ich  mir noch einen großen Becher Isogetränk, hocke  mich auf den Rasen, schaue in den strahlend blauen Bayrischen Himmel, lasse meinen Blick durch das Stadion gleiten, und genieße einfach nur den Augenblick. Es gibt Momente, da möchte man einfach die Zeit anhalten.

Insgesamt war ich 4 Std 35 Min unterwegs, aber wie eingangs erwähnt, die ereichte Zeit ist völlige Nebenschache, dieser Lauf  war ganz alleine meiner kleinen Frieda gewidmet.

 

http://www.muenchen-marathon.de/de/start/